Hintergruende

Warum verletzen Menschen sich absichtlich?

Drowning in the dark blood of would-be brothers who,
beyond the pressing of fingers, those for whom
the slice is only the beginning, and a different kind
of light comes in, begs recognition and peace of mind.
-- Judybats

Dies mag ein Aspekt der Selbstverletzung sein, der denjenigen sehr unverständlich scheinen mag, die sich nicht verletzen. Warum sollte sich irgendjemand selbst Verletzungen zufügen? Es gibt Beweise, daß SVV-ler, wenn sie konfrontiert sind mit starken Emotionen oder erdrückenden Situationen, die Selbstverletzung als Bewältigungsmittel wählen, weil es ihnen eine schnelle Erleichterung von der Angst und der Anspannung bringt. Diese Situationen verursachen eine Steigerung körperlicher Erregung, und die Selbstverletzung senkt schnell den Level der Erregung wieder auf "Normal-Niveau". Der SVV-ler mag eine Erleichterung verspüren, aber selbst wenn er sich danach schuldig oder ärgerlich fühlt, ist es doch in keinem Fall mit den vorhergehenden schlechten Gefühlen oder der unerträglichen Spannung zu vergleichen.

Mehr Verständnis für die Gründe, sich selbst zu verletzen kann man aus zwei wertvollen Quellen gewinnen: objektiv und subjektiv.

Subjektiv: Aussagen von SVV-lern, die beschreiben, was es ihnen bringt

Miller (1994) und Favazza (1986, 1996). neben anderen, diskutierten verschiedene mögliche Motivationen:

  • Flucht vor der Leere, Depression, und Gefühle der Derealisation.

  • um damit Spannung abzubauen.

  • Erleichterung: wenn sich intensive Gefühle aufbauen, sind SVV-ler überwältigt und unfähig, sie zu verarbeiten. Indem sie sich Schmerzen zufügen, reduzieren sie den Level der emotionalen und körperlichen Spannung auf ein erträgliches Niveau.

  • Als Ausdruck emotionalen Schmerzes

  • Flucht vor Betäubtsinsgefühlen: viele derer, die sich selbst verletzen sagen, daß sie es tun, um nur irgendetwas zu fühlen, zu fühlen, daß sie noch leben.

  • Um ein Gefühl der Euphorie zu erlangen

  • Weiterführen von Mißbrauchserfahrungen: SVV-ler sind häufig als Kinder mißbraucht worden. Manchmal ist die Selbstverletzung ein Weg, sich selbst dafür zu bestrafen, daß man "böse" war/ist.

  • Erleichterung von Wut: viele SVV-ler haben eine enorme Menge an Wut in sich. Aus Angst, sie nach außen zu richten, verletzen sie sich selber um diesen Gefühlen freien Lauf lassen zu können.

  • Biochemische Erleichterung: es gibt Vermutumgen, daß Erwachsene, die als Kinder wiederholt traumatisiert wurden, es sehr schwer haben zu einem normalen Erregungslevel zurückzukehren und sind in einem gewissen Sinne süchtig nach diesem "Krisenverhalten".

  • Das Erreichen oder Aufrechterhalten des Einflusses auf das Verhalten Anderer

  • Das Erreichen des Gefühls der Kontrolle über den eigenen Körper

  • Fundament der Realität, ein Weg, um mit Gefühlen der Depersonalisation und Dissoziation umzugehen

  • Erhaltung des Gefühls der Sicherheit oder Einzigartigkeit

  • Ausdruck oder Unterdrückung von Sexualität

  • Ausdruck oder Umgang mit einem Gefühl der Inbesitznahme


Miller gibt eine Erklärung, warum die meißten Betroffenen weiblich sind: Frauen sind nicht so erzogen, ihre Agressionen nach außen auszudrücken. Wenn sie mit der enormen Wut konfrontiert sind, die viele SVV-ler fühlen, tendieren Frauen dazu, sie gegen sich selbst zu richten. Ein Zitat der feministischen Schriftstellerin Adrienne Rich:

"Die meißten Frauen waren noch nicht einmal fähig diese Wut zu berühren, außer sie nach innen zu treiben wie einen rostigen Nagel."

Wie Miller sagt, "Männer agieren nach außen. Frauen agieren nach außen, indem sie nach innen agieren." Ein weiterer Grund dafür, daß weniger Männer sich selbst verletzen, mag ihre unterschiedliche Art der Erziehung sein, die unterdrückende Gefühle zur Norm machte. Linehan's (1993a) Theorie daß entstehende Selbstverletzung ein Teil andauernder Erklärung, untauglich zu sein ist, indem Du immer gesagt bekamst, daß Deine Gefühle falsch, oder schlecht oder unangemessen sind, könnte die Geschlechtsunterschiede beim selbstverletzenden Verhalten erklären; Männer wurden grundsätzlich dazu erzogen, ihre Gefühle in sich zu behalten.

Objektiv: Was die Forscher herausfanden

Menschen, die sich selbst verletzen, neigen dazu, depressiv - niedergeschlagen zu sein -- erleben eine depressive Stimmung mit einem hohen Grad an Unruhe und Sensibilität für Ablehnung und darunterliegende Spannung -- selbst wenn sie sich nicht aktuell verletzen. Das Muster, das Herpertz (1995) fand, weist darauf hin, daß etwas, normalerweise eine Art interpersoneller Stressor, den Level der depressiven Stimmung und Anspannung in ein unerträglichen Maß steigert. Die schmerzhaften Gefühle werden überwältigend: es ist, als ob der darunterliegende unbehagliche Affekt zu einem maximalen kritischen Punkt eskaliert. "SVV hat die Funktion, eine durchgehende Entlastung von diesen [hohen Graden an Unruhe und Sensibilität] zu bringen," sagt Herpertz. Diese Feststellung wird unterstützt von der Arbeit von Haines und ihren Kollegen.

In einer faszinierenden Studie führte Haines et al. (1995) Gruppen von "Selbstverletzern" und "Nicht-Selbstverletzern" durch begleitete Imaginationssitzungen. Jede Person wurde mit den selben vier Szenarien, die zufällig erschienen konfrontiert: eine Szene, in der Aggression dargestellt wurde, eine neutrale Szene, eine Szene unbeabsichtigter Verletzung, und eine in der selbstverletzendes Verhalten dargestellt wurde. Die Drehbücher hatten vier Stufen: der Schauplatz, die Annäherung an das Ereignis, das Ereignis, und die Konsequenz. Während der begleiteten Imaginationssitzungen wurden die körperliche und die subektive Erregung gemessen.

Die Resultate waren beeindruckend. Die Reaktionen aller Beteiligten unterschieden sich nicht bei den verschiedenen Drehbüchern: Aggression, Unfall und neutral. Im Selbstverletzungs-Drehbuch, stieg trotzdem die Erregung der Kontrollgruppe ("Nicht-Selbstverletzer") auf ein hohes Niveau und blieb dort bis zum Ende der Vorführung, trotz Entspannungsinstruktionen, die in der "Konsequenz-Stufe" enthalten waren. Im Kontrast dazu, erfuhren die "Selbstverletzer" sich steigernde Erregung während der "Schauplatz-Szene" und der "Annäherungsszene", bis zu dem Punkt, an dem sie sich dazu entschieden, sich selbst zu verletzen. Ihre Anspannung sank danach, sank sogar mehr bei der "Ereignis-Szene" und blieb dann niedrig. Diese Ergebnisse zeigen einen deutlichen Beweis, daß die Selbstverletzung eine schnelle, effektive Erleichterung körperlicher Spannung bringt, welche die körperliche Erregung einschließt, die durch negative oder überfordernde psychische Spannung produziert. Wie Haines et al. sagte:

Selbst-Verstümmler sind häufig unfähig, Erklärungen für ihre eigenen selbstverletzenden Handlungen zu abzugeben. . . . Teilnehmer berichteten anhaltende negative Gefühle trotz reduzierter psychophysiologischer Erregung. Dieses Ergebnis weist darauf hin, daß es die Abänderung psychophysiologischen Erregung ist, die funktionieren mag, um das Verhalten zu verstärken und aufrechtzuerhalten, nicht die psychologische Reaktion. (1995, p. 481)

In anderen Worten, die Selbstverletzung mag ein bevorzugter Bewältigungsmechanismus sein, weil es schnell und dramatisch den Körper beruhigt, selbst wenn Menschen, die sich selbst verletzen, sich nach einer Selbstverletzungsepisode schlecht und schuldig fühlen. Sie fühlen sich schlecht, aber der überwätigende psychophysiologische Druck und die Anspannung sind verschwunden. Herpertz et al. (1995) erklärt dieses:

Wir mögen vermuten, daß Menschen, die sich selbst verletzen, aggressive Gefühle und Impulse mißbilligen. Wenn sie es nicht schaffen, diese zu unterdrücken, weisen unsere Ergebnisse darauf hin, daß sie sie nach Innen richten. . . . Dies ist im Einklang mit den Erzählungen der Patienten, die häufig ihre selbstverletzenden Handlungen als Wege der Erleichterung von unerträglicher Anspannung sehen, die aus zwischenmenschlichen Stress entsteht. (p.70).

Herman (1992) sagt, daß die meißten Kinder, die mißbraucht wurden entdecken, daß ein solch ernsthafter Schock für den Körper, wie er beim Selbstverletzungsakt produziert wird, helfen kann, schwer zu ertragende Gefühle zeitweilig verschwinden zu lassen.

Die chemischen Vorgänge im Gehirn mögen auch eine Rolle spielen, beim Bestimmen, welche Menschen sich selbst verletzen und welche dies nicht tun. Simeon et al. (1992) entdeckte, daß Menschen, die sich selbst verletzen that people who self-injure dazu neigen, extrem zornig, impulsiv, ängstlich und aggressiv zu sein, und präsentieren Beweise, daß manche dieser Charaktereigenschaften in Verbindung stehen mit Defiziten im Serotonin-System des Gehirns. Favazza (1993) bezieht sich auf diese Studie setzt vorraus, daß leicht reizbare Menschen mit einer relativ normalen Serotonin-Funktion vielleicht ihren Ärger nach Außen richten, indem sie schreien oder mit Dingen um sich werfen; Menschen mit einer unterentwickelten Serotonin-Funktion richten ihren Ärger nach Innen, indem sie sich selbst beschädigen oder sich umbringen. Zweig-Frank et al. (1994) weist zudem darauf hin, daß das Ausmaß des selbstverletzenden Verhaltens nahe verwandt ist mit einer Serotonin-Dysfunktion.

Diejenigen, die sich selbst verletzen mögen Persönlichkeitscharakteristika besitzen, die die Wahrscheinlichkeit des selbstverletzenden Verhaltens steigern. Haines and Williams (1997) fanden heraus, daß SVV-ler berichten, mehr Gebrauch von der Problemvermeidung als Bewältigungsstrategie zu machen und glauben, weniger Möglichkeiten der Problemlösung zu besitzen. Dieses Gefühl der Nicht-Bevollmächtigung mag abwechselnd in Verbindung stehen zur chronischen Entkräftung, die viele SVV-ler erlebt haben.