Essstörungen
Selbstverletzendes Verhalten im Rahmen von Eßstörungen
Eßstörungen sind ein sehr weit verbreitetes Phänomen, auch hierbei sind vor allem Frauen betroffen. (DSM - IV, 623) Es gibt drei große Formen von Eßstörungen
Anorexia nervosa (Magersucht), Bulimie (Eß - / Brechsucht) und Adipositas (Eßsucht).
Hänsli schreibt, daß die Koexistenz von Eßstörungen und Selbstverletzendem Verhalten augenfällig wäre. (Hänsli, 97)Herpertz und Saß fanden bei 22 ihrer 36 Selbstverletzungs - PatientInnen gravierende Auffälligkeiten des Eßverhaltens, davon erfüllten 9 die DSM - III - R - Kriterien für Bulimie, 8 die einer Anorexie. (Herpertz & Saß, 298; Untersuchung ist unter 1. 4. dargestellt)
Herpertz fand bei 60 PatientInnen mit Selbstverletzendem Verhalten in ihrer Arbeit über 50% mit Eßstörungen, davon hatten die meisten die Diagnose Bulimie, gefolgt von Anorexie. (Herpertz, 119; Untersuchung vgl. Kapitel 2)
Winchel und Stanley bestätigen diese Ergebnisse und zitieren eine Untersuchung von Mitchell et al., die darauf stießen, daß Bulimie - PatientInnen mit Laxantienmißbrauch die höchste Rate an Selbstverletzendem Verhalten von der Gesamtgruppe der Eßgestörten hätten. (Winchel & Stanley, 308)
Einige AutorInnen postulieren eine Isomorphie zwischen Eßstörungen und Selbstverletzendem Verhalten. (vgl. Croß, zitiert nach Hänsli, 102; Favazza & DeRosear & Conterio, 359)
Hänsli versucht anhand der Durchsicht der Literatur zu diesem Thema Analogien zwischen Selbstverletzendem Verhalten und Eßstörungen deutlich zu machen. Hier nennt er als Gemeinsamkeiten unter anderem :
Den vornehmlichen Beginn in der Pubertät; das unwiderstehliche, zwanghafte, fast suchtartige Bedürfnis zu Schneiden, bzw. zu Verschlingen, zu Erbrechen oder zu Fasten; die emotional kathartische, selbstreinigende Funktion, die entlastende Wirkung; die appellative Wirkung des dargebotenen Marterbildes; den pathologischen Konflikt zwischen Körper und Selbst, unter anderem die Entfremdung vom Körper, ein negatives Körperbild; denVersuch, den Körper zu beherrschen; denVersuch, sich selbst und der Umgebung Macht, Autonomie und Unabhängigkeit zu beweisen; sexuelle Konflikte und den Suchtcharakter (die Handlung übernimmt längerfristig selber die Kontrolle). (Hänsli, 102 ff.)
In der im ersten Kapitel genannten Umfrage von Favazza & Conterio berichteten 61% der Frauen, daß sie aktuell oder in der Vergangenheit eine Eßstörung gehabt hätten. (Favazza & Conterio, 287)
Die Patientinnen von Sachsse hatten alle Eßstörungen, gegenwärtig, oder in der Vergangenheit. (Sachsse, 1995a, 48)
Das "caneis – syndrome" mit dem Trias Selbstverletzendem Verhalten, Eßstörungen und histrionische Persönlichkeit wurde schon im Kapitel 1. 3. erwähnt.
Zur Demonstration des Zusammenhanges ein Fall von Favazza et al.
Eine 22jährige Patientin fügte sich mit 16 Jahren zum ersten Mal eine Schnittverletzung zu, weil sie - wie sie sagte - Schuld und Angst verspürte wegen ihres Unvermögens, ihren persönlichkeitsgestörten Vater von Suizidversuchen abzuhalten. Im geheimen schnitt sie sich während eines Jahres regelmäßig in die Brust, den Bauch und die Oberschenkel, weil sie - wie sie berichtete - sich danach besser fühlte, weil dadurch die Schuldgefühle sich abschwächten, die Angst sich verminderte und Episoden der Depersonalisation ein Ende fanden. Die offenen Hautbeschädigungen nahmen im Laufe einer 15monatigen ambulanten Behandlung ab, doch darauf erschienen neue Symptome : die Angst, an Gewicht zuzunehmen, und der Gebrauch von Appetitzüglern. Wenn sich der Zustand ihres Vaters jeweils verschlechterte, fügte sie sich wieder Schnittwunden zu; sie wurde deshalb mehrere Male für kurze Zeit hospitalisiert. Mit 19 Jahren wurde sie das erste Mal wegen Anorexie und Bulimie mit Laxantienmißbrauch hospitalisiert. Verbesserte sich diesbezüglich ihr Zustand, schnitt und brannte sie sich jeweils mit zunehmender Intensität, so daß zweimal in der Woche Wunden genäht werden mußten. Auch hatte sie > hysterische Anfälle < , in denen sie sich selbst verletzte. Während eines Jahres intensiver Psychotherapie verschwand das automutilative Verhalten vollständig, auch Symptome einer Eßstörung waren nicht mehr vorhanden.Darauf versuchte sie in ihrem Umfeld einige größere Änderungen zu vollziehen. Dies führte zu einer neuen Episode von Anorexie und Bulimie mit Laxantienabusus. Sie wurde erneut hospitalisiert, und als sie sich in der Klinik mit einigen realen und imaginären Zurückweisungen konfrontiert sah, begann sie wieder, sich selbst zu schneiden und zu brennen. Sie verließ die Klinik entgegen ärztlichem Rat und fand kurz darauf Aufnahme in einer Klinik mit einem speziellen Programm für Patientinnen mit Eßstörungen. Zur Ergänzung des Programms, nahm sie die psychotherapeutische Behandlung wieder auf. Während des darauffolgenden Jahres mißbrauchte sie sporadisch Laxantien; sie konnte ein knapp zufriedenstellendes Minimalgewicht halten und schnitt sich selber noch ein einziges Mal.
(Favazza et al., zitiert nach Hänsli, 97)Der Zusammenhang zwischen Sexuellem Mißbrauch in der Kindheitsgeschichte und Eßstörungen im Jugend - und Erwachsenenalter ist empirisch belegt. (vgl.Teegen)
Einen Zusammenhang zwischen Eßstörungen und Selbstverletzendem Verhalten fanden viele AutorInnen. (Goldney; Favazza & Conterio; Favazza et al.; Croß; Lacey; Herpertz & Saß; Teegen)Teegen wollte mit ihrer Studie "Sexuelle Kindesmißhandlung und die Entwicklung von Eßstörungen" (1998) zur Klärung der Häufigkeit traumabezogener Eßstörungen beitragen. Sie gab 541 Frauen, die sich über sexuelle Mißhandlung in der Kindheit bewußt waren und sich 1991 auf eine Fragebogenaktion in Frauenzeitschriften hin bei dem psychologischen Institut der Universität Hamburg gemeldet hatten, einen umfangreichen, vorstrukturierten Fragebogen mit 1315 Variablen mit Fragen zu allgemeinen Sozialdaten, Belastungen in der Ursprungsfamilie, Aspekte der sexuellen Traumatisierung, psychosoziale Folgen,somatische Viktimisierungsfolgen und Bewältigungsstrategien der Frauen. Sie unterteilte die Antworten in drei Untersuchungsgruppen :- ohne Angaben zu Eßstörungen
- überwundene Eßstörung
- chronische, aktuelle Eßstörung
47 % der Frauen machten Angaben zu Eßstörungen, 28 % litten noch zum Zeitpunkt der Untersuchung daran, diese machten hochsignifikant häufiger Angaben zu Depersonalisation und Selbstverletzendem Verhalten und waren in der Kindheit signifikant häufiger schwerwiegender Traumatisierung ausgesetzt und inzestuöser Mißhandlung durch mehrere TäterInnen. Teegen vermutet, daß Depersonalisation, Substanzmißbrauch, Störungen des Eßverhaltens - u.U. auch Selbstverletzendes Verhalten - automatisierte Strategien seien, die zur Stabilisierung des Selbstgefühls bei erhöhter Erregung einsetzen würden. (Teegen, 27)