Dissoziation

Selbstverletzendes Verhalten im Rahmen der multiplen Persönlichkeitsstörung



In den Standardwerken zur Diagnosestellung ist die Multiple Persönlichkeitsstörung mittlerweile als eigene Diagnose aufgeführt. (DSM - IV, ICD - 10) Was jedoch im DSM - III - R noch Multiple Persönlichkeitsstörung genannt wird, heißt im DSM - IV jetzt "Dissoziative Identitätsstörung" und wird wie folgt definiert:


  • Anwesenheit von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen (jede mit einem eigenen, relativ überdauernden Muster der Wahrnehmung von der Beziehung zur und dem Denken über die Umgebung und das Selbst)
  • Mindestens zwei dieser Identitäten oder Persönlichkeitszustände übernehmen wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Person
  • eine Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern, die zu umfassend ist, um durch gewöhnliche Vergeßlichkeit erklärt zu werden.
  • Die Störung geht nicht auf die direkte körperliche Wirkung einer Substanz (z.B. Blackouts oder ungeordnetes Verhalten während Alkoholintoxikation) oder eines medizinischen Krankheitsfaktor zurück (z.B. komplex - partielle Anfälle)

(DSM - IV, 552)


Das DSM - IV erwähnt unter zugehörigen Merkmalen und Störungen Selbstverletzungen als mögliches Symptom. (DSM - IV, 552)


Die meisten Autorinnen verwenden nach wie vor den Begriff Multiple Persönlichkeitsstörung, dem schließe ich mich an.


In der Literatur wird die Multiple Persönlichkeitsstörung vielfach als eine spezielle Form der Borderline - Persönlichkeitsstörung angesehen. (vgl. Dulz, 18)


Auch Huber schreibt, daß Frauen mit Multipler Persönlichkeitsstörung häufig dieselben oder ähnliche Symptome, wie bei der Borderline - Persönlichkeitsstörung aufweisen würden. (Huber, 158)


Die Tatsache, daß mehr Frauen als Männer von Multipler Persönlichkeitsstörung betroffen sind erklärt Huber damit, daß Frauen, bzw. Mädchen häufiger Opfer sexueller Mißhandlungen würden. (Huber, 38 ff.)


Der Zusammenhang zwischen Sexuellem Mißbrauch und Multipler Persönlichkeitsstörung ist auch belegt. (vgl. Boon & Draijer, zitiert nach Hilsenbek, 1996, 51)


Selbstzerstörerisches Verhalten würden so gut wie alle Multiplen Persönlichkeiten kennen, so Huber, wobei dies oft eine aggressive Handlung einer zerstörerischen "Persönlichkeit" gegen eine andere in ein und derselben Person sei. Dabei sei ein besonderes Problem, daß die verletzenden Persönlichkeiten selber die Konsequenzen nicht tragen müßten, selber keinen Schmerz empfänden und die verletzte Persönlichkeit oft keine Ahnung habe, woher ihre Verletzungen stammten.(Huber, 160 ff. )



Eine Frau mit Multipler Persönlichkeitsstörung berichtet von einer ihrer Persönlichkeiten, die sich selber verletzt:


Eine Person in mir geht gerne in die Disco und fährt sehr gerne Motorrad. Diese besagte Person hatte auch eine sehr lange Zeit unseren Körper verletzt. Ich muß sagen, daß diese Person nichts fühlte. Mittlerweile fühlt sie ein klein wenig. Und das Verletzen tat sie nur, wenn sie nicht wußte, wie sie sich anders abreagieren konnte. So mußte sie immer schneiden. Wenn sie Angst hatte, wütend oder zornig war, machte sie solche Verletzungen. Heute geht sie fast jeden Tag in’s Fitnesscenter und reagiert sich dort ab. Zu anfangs konnte ich sie damit nicht akzeptieren, da ich die Verletzungen merkte und fühlte wie weh es tat, Schnittwunden zu haben.


(Danker & Veith, 128)



Selbstverletzungen im Rahmen von Multipler Persönlichkeitsstörung scheinen auch häufig zwanghaft ausgelöst zu werden, so fanden Draijer und Boon 1993 in einer Studie über die Phänomenologie von Dissoziativer Störung in den Niederlanden mit 71 PatientInnen unter Anwendung des strukturierten, klinischen Interviews für die DSM - IV - Diagnose "Dissoziative Störung" und dem strukturierten Trauma - Interview bei 76 % der Interviewten Stimmen, die den PatientInnen Befehle zur Selbstverstümmelung gaben.


(Draijer & Boon, zitiert nach Hilsenbek, 1996, 55)



Zur Anschauung noch ein weiterer Fall von Dulz und Schneider:


Eine Patientin, Frau D., fiel immer wieder dadurch auf, daß sie sich, vor allem abends und nachts mit Scherben und anderen scharfen Gegenständen - zumeist oberflächliche - Hautschnitte zufügte. Über Monate teilte sie hierzu nur mit, daß sie dies zwar nicht wolle, aber auch nicht verhindern könne. Erst später war von Frau D. zu erfahren, daß nicht sie - Maria - sich schneide, sondern Martha, die ebenfalls in ihr stecke und eine böse Gewalt über sie habe. Noch später schrieb sie an ihre Therapeutin : > Wer ist Martha ? Wo kommt Martha her ? Ich kann noch nicht einmal sagen, ob sie männlich oder weiblich ist. Sie tut mir weh und will mich vernichten. Vielleicht will sie in meinen Körper und dort herrschen, wie sie Lust und Laune hat. Sie sucht sich eine Lücke in der Zeit, wo ich ihr gegenüber nicht genug Aufmerksamkeit hatte, und nun rutscht sie dort hinein - in mein Handeln, Denken. Sie übernimmt mich und versucht, auf ihre Art und Weise Alles kaputt zu machen. Sie quält mich regelrecht mit ihrem Gemache. Sie war schon immer da und sammelt Kräfte von mir, aber ich, ich verliere immer mehr an Kraft und kann mich kaum noch Aufrecht erhalten. Sie hat mir soviel Kraft weggenommen. Wenn sie es darauf abgesehen hat, mich tot zu machen, ich meine innerlich, um dann meinen Körper zu beherrschen ? ! Ich werde dann noch böser, als ich schon bin. Sie wird versuchen, mir die Therapie hier kaputt zu machen. Weil : Sie will Nichts, was mir gut tut oder gut tuen könnte. Sie will, daß es mir schlecht geht. Martha will keine Hilfe. Aber ich will Hilfe und ich werde versuchen, zu kämpfen. Maria. <


(Dulz & Schneider, 16)