Depression
Selbstverletzendes Verhalten im Rahmen von Depressionen
Einen typischen Fall von Selbstverletzendem Verhalten mit depressiver Symptomatik schildert Holitzner:
Frau U. begab sich 26jährig in meine Behandlung. Sie gab an, sie leide unter depressiven Verstimmungen und Angstzuständen. Sie ritze sich seit ca. 4 Monaten die Haut der Unterarme auf, wobei sie starke aggressive Phantasien hatte. Sie meinte, sie müsse sich zerfetzen, auseinanderschneiden oder sich "zurechtschnippeln", sich "in eine neue Fasson bringen", so "wie ein Frisör die Haare trimmt". Das Schnippeln trat in Anschluß an eine Ehekrise auf. 19jährig hatte sie einen 2 Jahre älteren Mann geheiratet. Aus der Ehe stammte eine zu Behandlungsbeginn 4jährige Tochter, die eine organische Krankheit hatte. Die Patientin fühlte sich mit den Sorgen um die Tochter alleingelassen und wollte sich deshalb von ihm trennen, wohl auch, um dann frei zu sein, für einen idealen, versorgenden neuen Partner. Der Ehemann nahm die Trennungswünsche der Partnerin nicht ernst. Sie fühlte sich hilflos "wie ein Leichtgewicht", wurde depressiv und entwickelte bald Angstgefühle und leichte Zwangssymptome.
(Holitzner, 322)
Frauen mit Depressionen können oftmals Wut nicht angemessen ausleben und sind gehemmt in der Fähigkeit, sich durchzusetzen. Ihre Konfliktlösung oder versteckte Auflehnung ist gekennzeichnet durch Vermeidung offener Konflikte aus Angst vor einer Trennung oder Verlust. Zu betrachten ist diese depressive Konfliktlösungsstrategie auf dem Hintergrund der Macht - und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Männern und Frauen in dieser Gesellschaft. (vgl. Crowley Jack, 1993, 69 ff.)
Dieser erlernte, typisch weibliche Weg der Konfliktbewältigung führt nicht zu nach außen gerichteten Aggressionen, sondern zu innengerichteten Symptomen (vgl. Hurrelmann, 1988, 106), folglich werden dann Aggressionen gegen sich selbst gewendet.
Crowley Jack beschreibt, wie sich eine negative Selbsteinschätzung bei Frauen mit Depressionen auswirkt:
"Diese beeinflußt Selbstwahrnehmung und Selbstachtung, führt dazu, daß die Wut gegen sich selbst gerichtet wird, bringt das Gefühl von Wertlosigkeit und Hoffnungslosigkeit hervor und bewirkt eine tiefgreifende Lähmung." (Crowley - Jack, 118)
Herpertz fand bei klinischen Beobachtungen, daß von 60 PatientInnen mit Selbstverletzendem Verhalten 58 % aktuell depressive Symptome hatten, 73 % hatten dies früher, 85% waren früher suizidal. (Herpertz, 120)
Ghaziuddin et al. werteten retrospektiv die Krankenakten von allen PatientInnen der Adoleszenten - Psychiatriestation der Universität von Michigan (USA) von 1985 bis 1988 aus, um die Prävalenz von depressiven Erkrankungen (mood - disorder) bei sich selbst schneidenden Adoleszenten zu klären. Hinzugezogen wurden Informationen von SozialarbeiterInnen, Schulen sowie Beobachtungen der Krankenschwestern. Diagnosen wurden nach DSM - III - R gestellt. Die Informationen über die sich schneidenden PatientInnen wurden hinsichtlich PatientInnen - Charakteristik und Charakteristik der Selbstverletzenden Handlung zusammengestellt.
Ghaziuddin et al. fassen die Ergebnisse wie folgt zusammen:
Adoleszente, die sich während ihres Klinikaufenthaltes schnitten, scheinen eine besonders schwer gestörte Gruppe darzustellen, bei ihnen fänden sich oft psychische Krankheiten in der Familie und Sexueller Mißbrauch in der Kindheit und es fände sich in dieser Gruppe ein hohes Ausmaß an klinischen Depressionen. (Ghaziuddin et al., 105)
ein weiteres Krankheitsbild, in dessen Rahmen SVV auftreten kann ist ADD (attention defizit disorder) - siehe dazu auch SVV und ADD