Gesprächspsychotherapie

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Die Theorie der Gesprächspsychotherapie geht davon aus, dass seelische Störungen in erster Linie dadurch entstehen, dass bestimmte Gefühle nicht gefühlt werden dürfen und bestimmte Erfahrungen, die wiederum mit bestimmten Gefühlen verbunden sind, nicht oder nicht vollständig oder nur verzerrt gemacht werden dürfen.

Den Grund dafür sieht die Theorie der Gesprächspsychotherapie darin, dass diese Gefühle und Erfahrungen von dem betroffenen Menschen als nicht zu sich, als nicht zu seinem Selbst passend bewertet und damit dem Bewusstsein fern gehalten werden. Dieser Vorgang der »Abwehr« bzw. Verfälschung bestimmter Gefühle und Erfahrungen ist in der Regel ein dem Menschen nicht bewusster Vorgang. Gespürt wird häufig nur eine unerklärliche Angst oder es stellen sich Symptome ein, z. B. eine Wahnvorstellung, deren Herkunft und Sinn dem Betroffenen verschlossen bleibt.

Wie kommen nun Menschen zu einem Selbst, das bestimmte Erfahrungen nicht machen darf, z. B. festzustellen, bei einer Aufgabe versagt zu haben, und bestimmte Gefühle, vor allem »negative«, wie Wut auf einen anderen Menschen, nicht fühlen darf?

Die Theorie der Gesprächpsychotherapie geht davon aus, dass Menschen nicht mit einem Bewusstsein von sich selbst, d. h. mit einem Selbst, geboren werden. Das Selbst eines Menschen entwickelt sich erst, und zwar im Kontakt, in der Interaktion mit anderen Menschen, vor allem natürlich in Interaktion mit den wichtigsten Bezugspersonen in der Kindheit, in der Regel also mit Mutter und Vater.

Die Entwicklung des Selbst eines Menschen wird von einem (angeborenen) Bedürfnis beeinflusst, nämlich dem Bedürfnis nach positiver Aufmerksamkeit (»positive regard«). Die Theorie der Gesprächspsychotherapie geht nun davon aus, dass nur solche Erfahrungen und die mit ihnen verknüpften Gefühle Bestandteil des Selbst (= Selbstkonzept) werden können, die von den wichtigen Bezugspersonen als Erfahrung und Gefühl des Kindes erkannt und emotional positiv aufgenommen werden.

 

Ein Kind, dessen Mutter - aus welchen Gründen auch immer - es nicht aushält, wenn ihr Kind Wutanfälle bekommt, wird diese emotionale Erfahrung »es macht mich wütend, wenn ...« nicht in sein Selbst integrieren können. Ist das Kind später Patient, wird es z. B. dem Therapeuten erzählen, dass es Angst davor hat, Wut zu spüren, denn Wütendsein sei gleichbedeutend mit Bösesein.

Stärke und Art seelischer Erkrankungen scheinen auch davon abzuhängen, wie »stabil« sich ein Selbstkonzept ausbilden konnte. Das Selbst von Menschen, die psychotisch erkranken, scheint sehr viel brüchiger zu sein als z. B. das von Menschen, die eine Essstörung entwickeln. Zu einer Psychose kommt es, wenn eine emotionale Erfahrung vom Selbst nicht integriert, aber auch nicht abgewehrt werden kann. Das Selbstkonzept bricht dann zusammen. Der akut psychotische Mensch ist dann - zumindest für Außenstehende - nicht mehr er selbst, sondern »ver-rückt«.


Die Entstehung des Selbst und seiner Störung mit der Folge seelischer Erkrankung ist natürlich ein viel komplexerer Vorgang als hier angedeutet. Vielleicht reicht das Beschriebene aber aus, um daraus die wichtigste Aufgabe eines Gesprächspsychotherapeuten abzuleiten: Der therapeutische Prozess soll so gestaltet werden, dass bisher nicht oder nur unvollständig zugelassene emotionale Erfahrungen als Erfahrungen (an-)erkannt werden, die zum Selbst gehören. Der Weg dorthin führt über verschiedene Etappen. Anknüpfend an das o. g. Beispiel ist es häufig zunächst erforderlich, bewertende Erfahrungen zu hinterfragen. Unser Patient müsste vermutlich zunächst erkennen, dass immer dann, wenn er sich »böse« fühlt, er eigentlich wütend ist.